Nahtoderlebnisse und Gewahrsein

Endloses Bewusstsein oder unsterbliches GEWAHRSEIN?

Ich werde immer wieder mal gefragt, was ich über das Sterben und den Tod denke. Und ob die derzeit sehr populären Veröffentlichungen, Vorträge und Interviews über Nahtoderfahrungen einen Beitrag leisten könnten, um die Realisation von GEWAHRSEIN zu bestätigen, oder umgekehrt, ob nicht GEWAHRSEIN der Schlüssel zum Verständnis von Nahtoderfahrungen ist.

Meine erste Erfahrung von GEWAHRSEIN machte ich in meinem 17. Lebensjahr. Dieses Erlebnis enthielt einige der typischen Phänomene, wie sie bei Nahtoderfahrungen berichtet werden. Ich war seinerzeit nicht nah dem Tod, sondern erlebte nach einer Tiefenentspannung durch Autogenes Training eine wunderbare Befreiung vom Körper, der da auf der Couch lag und später auch im Raum, herumgehen und mit Menschen in Beziehung treten konnte. Das "Ich bin"-Gefühl war lebendiger und intensiver als je zuvor und ich schien irgendwie über dem Körper zu schweben, der nun nicht mehr mein Subjekt war, sondern ein Objekt in einem grösseren mysteriösen Sein, das alles zu umfassen schien. Eins mit allem, denn alle Gegensätze schienen darin aufgehoben zu sein, alles war eine untrennbarer Einheit und in Stille und tiefstem Frieden eingehüllt. Diese Erfahrung hielt stundenlang an und ging erst mit dem Einschlafen verloren. Es war das einschneidendste Erlebnis meines bisherigen Lebens. Es bestimmte meinen weiteren Lebensweg der Suche und Forschung nach der Frage von Bewusstsein, nach dem, was ich bin, was unser Menschsein ausmacht und welche Bedeutung die Welt hat.
Einige Monate später wurde ich in einem Artikel über den Delphi-Spruch "Erkenne dich selbst" auf die Schriften von Paul Brunton aufmerksam, der bereits 1949 in seinem Buch "Die Weisheit des Überselbst" den Sterbevorgang, die Nahtoderlebnisse und über eine mögliche Nachtodwelt ausführlich beschrieb. Er beschrieb darin auch über das Wunder des GEWAHRSEINS, über den universalen Geist und das unsterbliche Überselbst des Menschen. So erfuhr ich erstmals etwas über die Kontinuität des Bewusstseins über den Traum und den Schlaf hinaus. Das war der Startschuss für die Theorie und Praxis der Bewusstseinsentwicklung des Menschen. Ich praktizierte die von Brunton empfohlenen "Ultramystischen Meditationen" und begann mich mit den Schriften östlicher Weisheit zu beschäftigen. Dazu gehörte auch das Tibetische Totenbuch. Die Meditationsübungen lösten bei mir im Laufe der Jahre auch hin und wieder jene Phänomene aus, wie sie von Menschen mit Nahtoderfahrungen berichtet werden, und hin und wieder wiederholte sich auch jene erste Erfahrung nondualen Bewusstseins. Schon bei Brunton hatte ich gelesen, dass Licht die erste Manifestation des Geistes ist und fand diese These auch immer wieder in den Schriften altindischer Philosophie, Yoga und der Mystik in den verschiedensten Kulturen verbreitet. Durch die Philosophie der Wahrheit, wie Paul Brunton die Ultramystik nannte, war ich davor gewarnt, nicht die Phänomene mystischer Meditation zu suchen und zu überschätzen, sondern konsequent GEWAHRSEIN zu realisieren, in dem man zeitweilig oder für immer inmitten aller Bedingungen des Lebens leben kann.

Ein weiterer Schlüssel war für mich dann später die Seminare von Oscar Marcel Hinze am Bodensee und seine Interpretation der Samkhya-Philosophie als "Lichtweg". Durch ihn lernte ich das "Lichtdenken" kennen, das dem Denken mit dem Herzen nähersteht als das "Dunkeldenken" des Ichs oder Egos, das weitgehend durch die Konditionierungen (Erziehung, Erfahrung, Glauben, Weltanschauung usw.) bestimmt ist. Die Öffnung durch GEWAHRSEIN lässt die Begrenzungen fallen und lässt das SELBST als unpersönlichen Beobachter entstehen. Ausgangspunkt der Samkhya-Philosophie ist das Leiden des Menschen, wozu Krankheit und Tod gehören. In der Realisation von GEWAHRSEIN wird das leidfreie und todlose Sein erlebt und fortan zur Quelle eines inspirierten und kreativen Lebens.

Da ich beruflich in der wissenschaftlichen Forschung tätig war, suchte ich die spirituellen Dimensionen des Menschseins auch mit der Wissenschaft in Einklang zu bringen. Und so beschäftigte ich mich mit der Psychologie, Genetik, Neurobiologie, Kognitionswissenschaft und der Quantenphysik, um die Phänomene aussergewöhnlicher Bewusstseinszustände zu verstehen. Ich schätze es sehr, wenn sich heute mehr und mehr Wissenschaftler dieser Themen annehmen, z. B. bei Langzeitmeditierenden die Gehirnaktivitäten verfolgen und eigene Erfahrungen mit Meditation und Achtsamkeitstraining anstreben, um auch das "Auge der Kontemplation" in ein neues Weltbild einzubeziehen. Ich schätze es auch sehr, dass die alten Dogmen und Glaubenssätze der Religionen heute in Frage gestellt werden und - wie Ken Wilber es z.B. versucht - eine Religion von morgen zu schaffen, die alle Fakten und Phänomene einschliesst und sich von den Dogmen ihrer traditionellen Vorstellungen lösen kann. Mit Wilbers Modell der Bewusstseinsebenen und Bewusstseinszustände (siehe Grafik in der Kontextspalte Über Ken Wilber) lassen sich heute viele der Phänomene erklären, wie sie von Nahtoderfahrenen berichtet werden.

In den Schriften über Nahtoderfahrungen sollte man m.E. das Wort Bewusstsein unbedingt durch GEWAHRSEIN ersetzen, denn es ist das GEWAHRSEIN, das erst mittels des Gehirns- und Nervensystems Bewusstsein entstehen lässt. Wenn der biologische Organismus, und damit auch das Gehirn- und Nervensystem, stirbt, ist kein Bewusstsein mehr möglich. Aber endloses oder unsterbliches GEWAHRSEIN bleibt und macht all diese Phänomene möglich, denn GEWAHRSEIN hat Zugang zu allen Erfahrungen, die je in der universalen Matrix als Informationen aufgespeichert wurden. Jedes Individuum hat durch seine Vergangenheit und durch seine aktuellen Lebensfelder Zugang zu den Bereichen des Feinstofflichen oder Subtilen, den energetischen elektromagnetischen Feldern und den Bereichen des Kausalen, und damit zu den Archetypen der Menschheit. Die Lebensfelder der Ahnenreihe und die der Menschen der Gegenwart können deshalb unter bestimmten Umständen aktualisiert und wahrgenommen werden.

Die Wichtigkeit des Lebens im Lichte von GEWAHRSEIN

Unsere Lebenserfahrungen, unsere Taten und Untaten gehen mit dem Tode in die universale kollektive Matrix ein. Sie gehen nicht verloren, sondern verbinden sich mit all den anderen Informationen in diesen Feldern und bestimmen damit das weitere Schicksal der irdischen Existenzen und den Fortgang der Welt. Es sind "Welten in Welten", Lebensfelder in Lebensfeldern, myriadenhaft und in unvorstellbaren Verknüpfungen und Variationen. Aus ihnen wird neues Leben gebildet. Wir leben nach dem Tod nicht in einer jenseitigen Welt weiter, denn mit dem Vergehen des Leibes löst sich auch das Ichkonstrukt auf, das sich um unseren Leib gebildet hat und unsere Persönlichkeit konstruierte. Was wir waren und bleiben werden ist GEWAHRSEIN, unsere unsterbliche Essenz. Das irdische Leben ist von ungeheurer Bedeutung, denn nur hier in der Wachwelt kann der GEIST und damit GEWAHRSEIN seine weiteste Ausdehnung haben. Das Wissen und Erleben dieser Geistigkeit als beständige Präsenz kann nur hier im wachen Leben realisiert werden, nicht im Traum, nicht in Visionen oder im Schlaf. GEWAHRSEIN muss bewusst und voll realisiert und aus ihm gelebt werden während wir noch im Fleische sind.

Das Licht, das so sehnsuchtsvoll gesucht wird, um nach dem Tod darin einzugehen ist in Wirklichkeit die Sehnsucht nach der Realisation von GEWAHRSEIN. Dies ist die gesuchte Befreiung, die Erlösung, die Erleuchtung!

Nutzen wir unsere kostbare Lebenszeit, um GEWAHRSEIN zu realisieren, denn nur dann können wir wirklich in Frieden und ohne Angst, im vollen Wissen und Verstehen unseren Körper im Tode hingeben. In diesem GEWAHRSEIN zu sterben ist kein Sterben, wenn die letzte Stunde gekommen ist.

Ich denke, dass man spürt, wann die letzten Tage gekommen sind, und dass man dann das Verlöschen des Leibes in eigener Selbstbestimmung und ohne Sterbehilfe einleiten und sein Leben beenden kann. Dieser selbstbestimmte Übergang wird in vielen Traditionen berichtet: Zen-Meister verabschieden sich von ihren Schülern, Haiku-Dichter verfassen einen letzten Vers, Kalligraphen fertigen eine letzte Zeichnung an und werfen den Pinsel auf den Boden, Schamanen ziehen sich in den tiefen Wald zurück.